Michel de Montaigne der Philosoph, den ich herzlich liebe

Impuls

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„Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde vermehrt worden. Mir wenigstens geht es nach dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so, dass ich sagen muss, was er von Plutarch sagt: Kaum habe ich einen Blick auf ihn geworfen, so ist mir ein Bein oder ein Flügel gewachsen. Mit ihm würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen.“ (Nietzsche)

Montaigne lesen zu dürfen und sich über den unendlichen Schatz seiner Ein– und Ansichten austauschen zu können mit anderen, die ihn mögen (oder dabei sind, es zu lernen), ist ein beispielloses Vergnügen.

Er war ein Mann, der bekannte, er rede mit dem Papier wie mit dem ersten besten, der ihm über den Weg gelaufen komme. Der Philosoph, der erklärt: „Ich lehre nicht, ich erzähle.“ Und der die Ansicht vertrat:

„Das herrlichste Meisterstück eines Menschen ist, recht zu leben. Alle anderen Dinge, regieren, Schätze sammeln, bauen, sind nur kleine Anhänge, und aufs höchste Hilfsmittel.“

Montaigne kreist um die Frage „Wie soll ich leben?“ Er gibt keine abstrakten Antworten, sondern teilt uns mit, was er selbst in der jeweiligen Situation getan hat. Er zeichnet ein Porträt von sich selbst, dass der Leser das Gefühl hat, er trete aus den Buchseiten heraus und lese mit. Wir stellen beim Lesen erschrocken fest, wie vertraut er uns ist. Tatsächlich frägt man sich bei der Lektüre immer wieder: Woher wusste er das alles über mich? Er wusste es, weil er über sich selbst Bescheid wusste.

Stefan Zweig fand kurz vor seinem Freitod in Montaigne seinen einzigen wahren Freund:

„Hier ist ein Du, in dem mein Ich sich spiegelt, hier ist die Distanz aufgehoben, die Zeit von Zeiten getrennt. Nicht ein Buch ist mit mir, nicht Literatur, nicht Philosophie, sondern ein Mensch, dem ich Bruder bin. Nehme ich die Essais zur hand, so verschwindet im halbdunklen Raum das bedruckte Papier. Vierhundert Jahre sind verweht wie Rauch.“

Die Essais sind also viel mehr als nur ein Buch. Sie sind ein Dialog mit Montaigne über die Jahrhunderte hinweg.

Gustav Flaubert empfahl einer Freundin, wie man Montaigne lesen sollte:

Lesen Sie ihn nicht, wie die Kinder lesen, um sich zu vergnügen, noch wie die Ehrgeizigen lesen, um sich zu bilden. Nein, lesen Sie, um zu leben.“

Auf die zentrale Frage „Wie soll ich leben?“ gibt Montaigne immer wieder eine neue Antwort, er beantwortet Fragen mit neuen Fragen und mit einer Vielzahl von Anekdoten, die zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen führen. Indem er die Widersprüchlichkeiten des Lebens nicht ausschließt, die Dinge alle paar Sätze aus einer anderen Perspektive betrachtet und die Blickrichtung ändert, geht er der zentralen Frage auf den Grund. Es gibt keine endgültigen Antworten. Der Leser wird in seiner Freiheit belassen. Sein Motto: „Widerspreche ich mir selber? Dann widerspreche ich mir eben. Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten.“

Zum Abschluss dieser Zeilen sei noch ein winziger Einblick in seiner Art zu denken und zu schreiben gegeben:

„Es ist eine höchste und gleichsam göttliche Vollendung, seines eigenen Wesens redlich froh werden zu können. Wir trachten nach einem anderen Los, weil wir das unsere nicht zu nutzen wissen, und wollen über uns hinaus, weil wir nicht begreifen, was in uns ist. Doch wir mögen noch so sehr auf Stelzen steigen, auch auf Stelzen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem Hintern.“

Zu Montaigne kann man gehen, wenn man Probleme mit sich selbst oder anderen hat. Damit reiht er sich ein als einer der Urväter der Philosophischen Praxis.

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